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CANDELILLA Videopremiere “Trocken und staubig”

„Camping“,
das 3. Studioalbum der Gruppe CANDELILLA. Aufgenommen und abgemischt
von Hannes Plattmeier und Tobias Levin, der auch produzierte, und
geschrieben über 2 Jahre auf dem weiten Weg zwischen München und
Hamburg. Und doch scheint es, als wäre diese Platte immer schon genau so
da gewesen. Als hätten diese 10 Songs in all ihrer schillernden und
wutentbrannten Schönheit nur darauf gewartet, dass jemand sie abholt,
aufschreibt und auf die Record-Taste drückt. 

CANDELILLA,
immer schon mehr interdisziplinäres Kollektiv als bloße Rockband,
erdacht in einem München, das man irgendwo zwischen dem Paris der
Situationisten, dem Washington DC eines Ian Svenonius und dem New York
City Valerie Solanas verorten kann. Performance, Poesie, Politik, und
Liebe als Haltung. Und vor allem diese nicht zu bändigende Wut und
unglaubliche tightness, die sie schon seit langem zu einer der
intensivsten Live Bands des Landes macht. Ihr letztes Album, aufgenommen
in Chicago mit Produzentenlegende Steve Albini, hatte diese Energie
schon eindrucksvoll auf Platte gebracht. 4 Jahre später jedoch gehen
CANDELILLA noch einen Schritt weiter. „Camping“ ist keine Pop-Platte
geworden, sie forscht viel eher nach den Möglichkeiten von Pop innerhalb
des Kosmos CANDELILLA. Geht an Grenzen, tastet sie ab und observiert
sie, ohne diese aber je zu überschreiten. CAMPING zeigt eine Band, die
sich ihrer selbst so gewiss ist, dass sie sich neu erfinden kann, ohne
auch nur eine Spur des Alten zurücklassen zu müssen.

Eine
Gitarre wie ein Schrei, dann ein tröstender Klavierakkord, der eine
Kadenz einleitet die über 2 Minuten Erwartungen weckt, aber nicht
einlösen wird. So beginnt „Camping“ mit dem euphorischen
Instrumentalstück „Augen“, ganz als hätten sich Joy Division das Klavier
von Talk Talk`s Colour of Spring geborgt. Die Gitarre hat sich in einem
Feedback-Loop gefangen, während die Akkorde sich scheinbar endlos
weiterbewegen. Das Ziel ist erst erreicht, wenn sich alles in dem ersten
Wort der Platte gipfelt: Überprüfen. Man zuckt kurz zusammen. Die
Stadt, durch die ich laufe, wird ganz still und ich beginne meine
Schritte an die Musik anzugleichen. Wenn Mira Mann manisch 33 Muskeln,
27 Sehen wiederholt, spüre ich jede einzelne davon.

Augen,
Hand, Sehnen, Muskeln. Es ist ganz zu Anfang schon alles eingeführt,
was sich durch die weitere Platte ziehen wird: Körper werden seziert und
immer wieder mit anatomischer Strenge in ihre Einzelteile zerlegt. Erst
das Stück „Ruhig draußen“ benennt zum ersten Mal einen Körper in
Einheit, ja wartet sogar mit der Bekenntnis auf: ich mag deinen Körper.
Nur um gleich zu relativieren: Er hat eine schöne Oberfläche. Der Körper
wirkt auch hier wieder eher wie ein Forschungsobjekt, als eines der
Begierde, oder wie es in dem Text heisst: Du sendest News die mich
interessieren. Ich beobachte dich einen ganzen Tag. Die Körper auf
„Camping“ atmen, spucken, tasten, kotzen. Aber sie bleiben Bodies
without properties. Körper ohne Eigenschaften. Meine Augen leuchten, sie
erzählen nichts.

Und
dann der Titel: „Camping“. Auf den ersten Blick scheint er irritierend.
Was will er bedeuten, wohin will er uns führen? Ich kann den Begriff
zunächst nur als Anklage begreifen. Ich denke an Susan Sonntags
berühmten Text „notes on camp“, in dem sie das Wort „camping“ abfällig
als jene Form der Tätigkeit versteht, die die vorsätzliche Produktion
von „camp“ zum Ziel hat. Eine bewusste Einführung einer Haltung, die in
Hinblick auf den Inhalt neutral ist und sich dem bloßen Stil hingibt.
Oder wie Sontag schreibt: Der Sieg des „Stils“ über den „Inhalt“. Ganz
wie einer der ungewöhnlichsten Songs auf diesem Album in seiner
kristallinen Schönheit dem besungenen Paar am Pool mehr einen way of
life zuschreibt, als Leben an sich zuerkennt: Sie liegen an einem Pool.
Die Welt steht still.

Und
ist „Camping“ nicht auch die deutscheste aller Urlaubsarten? Der Traum
vom mobilen Zuhause, der von der idealisierten Vorstellung einer Flucht
aus dem Alltag lebt. Und macht CAMPING diese Flucht nicht eigentlich
unmöglich, weil der Schritt von zu Hause wegzufahren in Wahrheit nie
gewagt, nein, nicht einmal gewollt wird? Eine rein oberflächliche
Auseinandersetzung mit dem Neuen, immer nur einen (Rück)Schritt entfernt
vom wohligen Zuhause? Unbedingt unterwegs sein wollen, bloß um sich am
Ende: keinen Zentimeter (zu) bewegen.

Aber
könnte man den Begriff nicht auch positiv besetzen? Man müsste das
Konzept von „Camping“ wohl etwas allgemeiner fassen. Denn im Grunde
bedeutet es doch auch: überall zu Hause zu sein. Sein Zuhause immer mit
sich zu tragen. Das Gegenteil des all inklusive Gefängnisses, das wir
Leben nennen. Das unbedingte Beharren darauf, dass Heimat transportabel
zu sein hat und an keinen Boden dieser Erde gekoppelt sein kann.

Und
so campen CANDELILLA im letzten Song dieses überragenden Albums auch in
der Wüste, in einer unkontrollierbaren Landschaft, die nachgibt unter
jedem Schritt. Die sich verändert und zusammen zieht, wie ein auf Sand
gebautes Zuhause.

Es
gibt etwas das unkontrollierbar für mich ist, dahin gehe ich. Etwas das
unkontrollierbar für mich ist, ich nenne es Wüste. Und vielleicht sind
am Ende all meine Fragezeichen, die eigentliche Intention dieser
außergewöhnlichen Band. Ganz so wie all diese Akkordfolgen sich partout
nicht auflösen und all diese Wörter partout in keinem Satz gefangen sein
wollen: Eine Irritation, ein Spiel, eine Ahnung: tomorrow i will love a
new face of you. 

Andreas Spechtl
 
 

Musikvideo: Candelilla „Trocken & staubig“ https://youtu.be/l2G3quUVi0A

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